Leseprobe  

Hängen Bleiben – zwischen Himmel, Herz und Erdung

Friedrich

Er lümmelte wie so oft mit seiner Gitarre auf der hintersten Bank der S-Bahn herum, sein alter Hund Jack saß müde zwischen seinen Füßen. Friedrich sann über seine Tageseinnahmen nach. Heute konnte er sich nicht darüber beklagen. Diese fesche Blondine, die ihm schon öfter bei seinen Musikeinlagen zugehört hatte, hatte heute ganz besonders tief in seine Augen geblickt. Er grinste. Sie hatte ihm nicht nur ein paar Scheinchen zugesteckt, sondern auch ihre Telefonnummer. Sie gefiel ihm. Aber bevor er sich mit ihr treffen würde, musste er unter die Dusche. Die Frauen waren verrückt nach seinem Kokosduft und kamen ihm beim Einwerfen von Münzen in seine Kappe immer recht nah. Tja, von nichts kam nichts.

Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Ein Unbekannter rempelte eine ältere Frau an und beschimpfte sie mit auffällig derben Worten. „Hey, du alte schrullige Schnepfe. Heb deinen fetten Hintern vom Sitz und lass mich da hin. Mach hinne, du fette Sau!“

Das konnte Friedrich überhaupt nicht haben! Er hasste es, wenn sich Stärkere an Schwächeren vergingen. Jack knurrte. Friedrich schob abrupt seine Gitarre beiseite, sprang auf und kam der verschreckten Dame zu Hilfe. Aufgebracht versuchte er, den Pöbler zu vertreiben. Der Angreifer entwickelte schlagartig eine enorme Aggressivität, zog im Tumult ein Messer hervor und stach Friedrich unvermittelt die spitze Waffe tief in die Brust. Die umstehenden Menschen schrien auf und wichen zurück. Ein Kind fing an zu weinen. Die ältere Dame hielt sich mit weit aufgerissenen Augen die Hände vor den Mund. Die Fahrgäste wichen geschockt zurück und duckten sich ängstlich hinter ihre Sitze. 

Friedrich umfasste ungläubig den Griff des Messers in seiner Brust und blickte auf das Blut, das aus der Wunde quoll. 

Die weit aufgerissenen Augen des Täters waren das Letzte, was er sah, bevor er kraftlos zu Boden fiel.       

Einen kurzen Moment später war er tot. Jack kroch vorsichtig heran, winselte und legte sich neben ihn. Aus großen Augen sah er Friedrich treu an, drängte sich eng an ihn und legte seinen Kopf auf den Boden.

Ein neues Kapitel

Nach seinem Tod war Friedrich mit sauberen Klamotten in der Anderswelt erwacht. Daran konnte er sich erinnern, als wäre es gestern gewesen. Er seufzte. Nun, wenigstens hieß er nicht mehr Friedrich, wie sein Vater ihn immer gescholten hatte. In der Anderswelt kannte man ihn nur unter dem Namen Frederic. Das hörte sich cooler an. Nun ja, wenn er zurückblickte, war ihm klar: Er würde wieder so handeln. Man konnte eben nicht gegen seine Natur. Aber fair, nein, fair war das nicht. Er war nie ein gläubiger Mensch gewesen, eher einer, der über sehr viele Dinge nachdachte, sie abwog, sie in Frage stellte und anzweifelte. Also eher ein Philosoph. Es gab so vieles, woran die Menschen glaubten und woran sie sich festhielten. Welche Religion war die richtige? Welche Inhalte stimmten? Gab es die ultimative Wahrheit überhaupt?

Wie überraschend war es für ihn gewesen, als er sich in der Anderswelt wiederfand und kurze Zeit später Gott gegenübersaß. Er konnte es kaum glauben, aber es war wahr! What a surprise! 

Aber was war Gott? Das Ewige, Gütige, Allwissende, Allherrschende? Schicksal, Karma, Spielführer mit Figuren namens Mensch? War Gottes Plan willkürlich? Alles vorherbestimmt? Tja, diese Frage blieb offen. 

Er ertappte sich dabei, wieder mal alles in Zweifel zu ziehen, wesentliche Dinge zu hinterfragen und mit wenig Optimismus nach vorn zu schauen. Es hatte sich nichts geändert. Er war irgendwie noch der Alte, wenn auch etwas anders als zuvor. Und genau das nervte ihn gleichzeitig! Es machte alles so kompliziert.

Auf geht‘s

Montag, 22. Januar 1967, 11:30 Uhr, Teambesprechung

Alle waren versammelt und saßen, teils noch müde vom Wochenende, wie jeden Montag um den großen Holztisch herum. 

Frederic gähnte hörbar, streckte die Füße aus und kreuzte die Arme hinter seinem Kopf. Im Hintergrund hörte er leicht schräges Harfenspiel. Übung macht den Meister, dachte er. Dann erklangen ein paar rockige Gitarrentöne, entferntes Schlagzeug und das Bellen eines Hundes in der Nähe. 

Das Gemurmel der Kollegen neben sich holte Frederic zurück an den Besprechungstisch. Die kühle Luft verursachte ihm eine leichte Gänsehaut. 

John aus Kentucky setzte sich ihm gegenüber, stieß mit seinen Stiefeln hart gegen Frederics Turnschuhe und funkelte ihn provozierend an. Frederic seufzte und zog seine Füße zurück. Mit dem Daumennagel zog er die Kerben im Holz nach. Er wollte schon mit einem Stift eine Kerbe anmalen, als sein Nachbar zur Linken sich verhalten räusperte und Frederic tadelnd ansah. Dieser rollte genervt mit den Augen, seufzte und dachte: Du meine Güte, immer dasselbe hier.

Dann verfiel er – wie hin und wieder – in trübere Gedanken. So ein Mist aber auch, dachte er, eigentlich wäre ich noch gar nicht hier in dieser Zwischenwelt. Die Arbeitsengel nennen den Ort hier „Anderswelt“ oder „Pufferzone“. Was soll das überhaupt für ein Wort sein? Pufferzone, soll das lustig klingen? Als ob ich gern hier wäre. Anderswelt gefällt mir schon besser. Es ist hier wirklich anders als auf der Erde. Besser oder schlechter? Ich weiß es nicht. Obschon es hier oben auch schräge Typen gibt und meine Vorstellung von Gott, wenn ich die gehabt habe, ist jetzt völlig über den Haufen geworfen. Ich wäre lieber auf der Erde geblieben. 

Und wieder regte sich Missmut und Ärger in ihm. „Ein technischer Fehler im himmlischen System“, sei es gewesen, hatte man ihm gesagt. Ja toll, dachte er. Und nun ist es vorbei mit meinem Leben als Mensch.Er setzte sich aufrecht hin und atmete frustriert laut aus. Hätte er doch anders gehandelt in jenem Moment. Entspann dich, dachte er und blickte zu Boden. Er streckte die Füße noch mal aus und stieß gegen die von John aus Kentucky, der ihn genervt anschaute. Frederic rückte die Beine ein Stück zur Seite und kreuzte die Arme vor seiner Brust. Die Augen geschlossen, hörte er dem Gemurmel der Kollegen zu, die neben ihm saßen. 

Seine Gedanken wanderten zum vorherigen Abend und er lächelte. Plötzlich spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Erschrocken öffnete er die Augen und konnte schon am Geruch erkennen, wer hinter ihm stand. „Döner-Markus“, sein Zech-Kumpel von gestern, mit dem er sich einige Tequilas gegönnt hatte. Markus kümmerte sich normalerweise um einen Schützling, der achtzig Prozent seiner Zeit im Dönerladen arbeitete. Wie es der Job erforderte, musste Markus sich natürlich dort aufhalten und roch entsprechend. Frederic verzog das Gesicht und wollte gerade einen Kommentar abgeben, als laut und unüberhörbar eine helle Glocke ertönte. Die Geräusche und das Gemurmel verstummten schlagartig. Frederic blickte auf und schaute wie alle anderen erwartungsvoll in Richtung des Chefsessels. 

Gott saß wie üblich auf einem großen hölzernen Stuhl, den allerlei Schnitzereien aus den vergangenen Jahrhunderten zierten. Einige Kissen machten den Stuhl bequemer, weil ihre Hüfte sie mehr und mehr plagte. Als sie sich vorbeugte, ächzte das Holz. Sie schaute in die Runde, schweigend und prüfend, einen nach dem anderen musternd, quälend lange, aber mit einem wohlwollenden Blick voller Liebe. 

Der ein oder andere räusperte sich, blickte zur Seite oder schaute eifrig, ob Gott etwas zu ihm sagen würde, womöglich einen Auftrag erteilte. Dann glitt ihr Blick über Frederic und seine Nachbarn zur rechten und linken Seite. Frederic schaute auf den Boden und versuchte, mit dem rechten Fuß einen dicken Staubballen wegzuschieben. John aus Kentucky trat mit seinem Fuß fest vor Frederics Fußspitze und sah ihn provozierend an. Frederic zog gerade seinen Fuß zurück, als Gottes Blick an ihm hängenblieb. 

„Frederic!“ Ihre Stimme wurde lauter. „Mein lieber Frederic!“ 

Er riss die Augen auf, dachte: Oh nee, jetzt ist es so weit, Schluss mit dem Herumlungern. Die Hitze stieg ihm ins Gesicht und er schaute Gott an. Verunsichert zog Frederic die Stirn kraus und wartete, was nun kommen mochte. 

Gott hob an: „Ich denke, dass du genau der Richtige bist, der dieser Aufgabe gewachsen sein wird. Pass upp!“ 

Frederic zog es den Magen unangenehm zusammen. 

„Mmmmmmhhhhhh“, bestätigte er zweifelnd. 

Gott fuhr unbekümmert fort: „Deine Aufgabe wird es sein, ein Menschenkind, das morgen früh geboren wird, auf seinem Lebensweg zu begleiten und zu beschützen. Als Arbeitsengel in der Bewährungszeit hier in der Anderswelt kannst du nun zeigen, was in dir steckt. Und wer weiß? Vielleicht befördere ich dich zum Schutzengel und du bekommst deine verdienten Flügel in all ihrer Pracht.“ Gott schmunzelte. „Na, wie würde dir das gefallen, hm?“ 

Frederic war nun hellwach, setzte sich abrupt auf und fragte: „Oh, wer ist es denn und wie lange geht der Job?“ 

Gott begann, den Auftrag weiter auszuführen: „Das Menschenkind heißt Sabine und wird in Dornfeld geboren, das liegt in Deutschland. Du wirst sie Zeit ihres Lebens begleiten, also lange. Alles, was nötig ist, um einen guten Job zu machen, hast du bereits in dir. Christophorus wird dich, wie jeden Arbeitsengel hier, morgen früh nach unten auf die Erde begleiten und dich zu deinem Platz bringen. Er wird dir eine kleine Einführung in deine Möglichkeiten geben. Merke dir den Weg, damit du ihn fortan selbstständig antreten kannst. Folge fortan deinem Herzen, lieber Frederic!“ Gott schmunzelte. „Ich versichere dir, es wird dir nicht langweilig werden. Das Leben wird dich lenken. Vertraue darauf, dass es gut wird. So wie ich den Fähigkeiten traue, die du in dir trägst. Es wird manchmal nicht einfach werden, aber die Arbeitsengel auf dieser Ebene hier und ich unterstützen dich. Bleib mit uns in Verbindung. Das ist wichtig! Ach ja, einen Bonus gewähre ich dir, das bekommt hier jeder Arbeitsengel beim ersten Auftrag: Suche dir im Verlauf deiner Aufgabe einen Menschen aus, der eine ganz besondere Rolle im Leben deines Schützlings spielen soll. Diese Person darfst du selbst bestimmen und ihre Geschicke … sagen wir mal: sanft mitlenken. Aber dazu später. Nun dann! Nimm dir heute frei und bereite dich auf deine Mission vor. Dein Dienst beginnt morgen früh um sechs Uhr. Und: Zu den Teamtreffen kommst du bitte weiterhin einmal im Monat. Wenn du zwischendurch selbst Hilfe brauchst, wendest du dich direkt an mich. Melde dich aber frühzeitig an, du weißt, ich habe immer viel zu tun. Und nun, gehabe dich wohl! Und toi, toi, toi!“ 

Frederic stand auf. Sein Blick glitt über Johns missmutiges Gesicht. Der Kollege aus Kentucky hatte immer noch keinen Job bekommen und sah Frederic neidvoll an. Frederic zuckte mit den Schultern, verabschiedete sich von den anderen und suchte sich eine entfernte Wolke. 

Kaum, dass er lag, atmete er tief durch. Mein erster Job! Cool. Endlich Schluss mit der Langeweile. Und weg von so ätzenden Kollegen wie John aus Kentucky! Mann, nervt der mich. Hat es auf mich abgesehen. Der Neid springt ihm schon förmlich aus den Augen. Was hat der bloß immer mit mir, dass der mich so anfrotzelt? Egal, der ist erst mal kein Thema mehr für mich. Gutso.

Und dann wanderten seine Gedanken weiter zu seinem Zielobjekt. Ein Neugeborenes. Da ist ja erst mal nicht viel zu tun. Ach, wir werden sehen!

Die Sonne erwärmte sein Gesicht, er schloss die Augen und malte sich aus, wie prachtvoll er mit zwei kräftigen Flügeln aussehen würde … Er lächelte. Endlich! Jetzt ist meine Zeit! 

Der erste Arbeitstag

Dienstag, 23. Januar 1967

Es war eine kalte Januarnacht. Der Frost klebte an den Laternen. Der eisige Mantel hielt das Licht zurück und schwärzte die Nacht. Leise fielen dicke Schneeflocken vom Himmel und legten einen schimmernden Teppich auf die Straßen. 

Christophorus hatte Frederic bis zur Klinik begleitet, sich verabschiedet und ihm viel Glück gewünscht. Frederic atmete tief durch und fühlte sich wohl dabei, wieder auf der Erde zu sein, zwar als Arbeitsengel, aber zwischen Menschen. Er machte sich auf die Suche nach der richtigen Station, um seinen kommenden Schützling zu sehen und ihm nahe zu sein. Er war schon richtig neugierig. 

Nun stand Frederic vor der Tür der Geburtsabteilung der Wilhelm-Krückmann-Klinik in Dornfeld, schaute aus dem Fenster und dachte: Mein Gott, was hast du für einen schrägen Humor. Die Geburtsklinik liegt direkt neben dem Friedhof. Na, wenigstens ist es schön ruhig hier. Er schüttelte den Kopf, dann lauschte er. Greta Steinberg schrie, stöhnte und schimpfte, dass sie es hinter sich haben und nur noch gebären wollte. Schon seit vielen Stunden lag die zierliche junge Frau in den Wehen. Die kurzen braunen Locken klebten ihr schweißnass an der Stirn. Eigentlich war sie Frederics Typ. Jung und hübsch und ein eiserner Wille, dachte er. Doch sofort verbot er sich diesen Gedanken. Es ging hier schließlich um das Kind. Greta war ganz und gar von Schmerzen gezeichnet. Frederic litt mit, er hatte keine Ahnung gehabt, dass eine Geburt so schmerzhaft war.

Um 11:11 Uhr war es endlich so weit: Das Kind entschlüpfte seiner Mutter, nahm den ersten Atemzug. Tief und kräftig. Schwester Angela gab ihm einen Klaps auf den Po und dann schrie es sein erstes Ausrufezeichen ins Leben. 

Frederic fasste sich an die Brust. Ihm wurde wohlig warm ums Herz. Die Geburt berührte ihn mehr, als er es sich vorgestellt hatte. Oh mein Gott, mein erster Schützling. Er lächelte versonnen. 

Als Frederic vor lauter Rührung und vor allem Neugierde ein paar Schritte vorwärts ging, stand er plötzlich im Geburtsraum direkt neben dem Bett. Er kniff die Augen zusammen, biss sich auf die Unterlippe und erst dann wurde ihm klar, was geschehen war. Wow! Ich kann sogar durch Wände gehen. Das ist ja der Hammer! 

Er blickte auf Greta. Das Baby lag auf der Brust der vor Glück und Erleichterung weinenden Mutter und japste erschöpft nach Luft. 

Greta flüsterte: „Mein Engelchen. Wir haben es geschafft. Endlich bist du da. Du sollst Frederike heißen … nein, besser Sabine. Ja, Sabine passt zu dir.“ Sie strich zärtlich und behutsam über das flaumige Köpfchen. „Unser kleines Bienchen“, flüsterte sie zärtlich. 

Frederic stand neben dem Bett und staunte über die einzigartige Feierlichkeit dieses Augenblickes. Erste Zweifel schlichen sich in seine Gedanken: Bin ich dieser Aufgabe gewachsen? Schaffe ich das? 

Er blickte aus dem Fenster auf einen schneebedeckten Baum. Und wie so oft, wenn er in einer Situation zauderte oder unsicher war, fiel ihm der kölsche Spruch seines Großvaters ein: „Min Jung, et hätt noch emmer joot jejange.“ Das beruhigte ihn.

Da öffnete sich die Tür und Fritz, Gretas Mann, kam bedächtig in den Raum, setzte sich aufs Bett, küsste seine Frau und strahlte erst sie und dann das Neugeborene an. Er nahm das Baby in die Arme. Tränen des Glückes liefen seine Wangen hinab. 

Dann blickte er Greta voller Liebe an und flüsterte: „Ich konnte meinen Dienst für eine Stunde verschieben, muss aber gleich los. Ich komme heute Abend und dann habe ich mehr Zeit.“ 

Er legte Greta das Baby vorsichtig wieder in die Arme, flüsterte: „Ich liebe dich“, verabschiedete sich und eilte aus dem Raum. 

 

*****

 

„Ich will da rüber. Manno!“, rief die kleine Sabine. Sie konnte es kaum erwarten, dass ihre Zeit im Kindergarten begann. Immer häufiger stand sie auf dem Mauervorsprung, hielt sich an den Eisenstäben fest und blickte auf das andere Grundstück hinüber. 

Frederic beobachtete jedes Mal, wie sie ungeduldig von einem Bein aufs andere sprang und sich auf nichts anderes konzentrieren konnte. 

„Na, Sabinchen. Du möchtest wohl unbedingt in den Kindergarten zu den anderen“, sagte Opa Josef, als er im Garten die Blumen gegossen hatte und nun neben ihr stand. 

„Oh Manno, die Kinder haben es so gut. Die dürfen alle mit den Spielsachen spielen, klettern und wippen. Ich will das auch. Opa, kann ich rüber? Bitte!“ Sabine zog einen süßen Schmollmund. 

Josef sah sie an, griff in seine Tasche. Er strich mit der Hand über ihre langen Haare und sagte scheinbar verblüfft: „Oh, was kitzelt denn da an meinem Ohr?“ 

Sabine blickte ihren Opa aufmerksam an. Sie kicherte, als Josef mit der Hand hinter sein rechtes Ohr fasste, ein Bonbon hervorholte und es Sabine hinhielt. 

„Na so was. Wo kommt das denn her?“, murmelte Josef und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, weil Sabine laut und hell lachte. 

Frederic saß auf der Bank neben den beiden und freute sich: Was für ein glückliches Kind, meine Kleine. Ich wünschte mir, es würde immer so gut weitergehen. 

Aber er wusste, dass dies nur ein frommer Wunsch war. 

Dann war Sabines großer Tag gekommen. Endlich durfte sie in den Kindergarten und genoss es sichtlich, die Zeit mit anderen Kindern zu verbringen. Frederic lächelte stolz, als ob er für Sabines Entwicklung verantwortlich wäre. Es wäre so schön, wenn sie so fröhlich und aufgeweckt bliebe, dachte er. Ich werde alles dafür tun, was in meiner Macht steht.

 

******

 

Freundezeit

Mit sechs Jahren durfte Sabine in die Grundschule, die etwas weiter entfernt lag. Deshalb begleitete ihre Mutter sie lange Zeit auf dem Weg zur Schule. Sabine knüpfte die ersten Freundschaften. Vor allem mit Miriam verstand sie sich gut, denn Miriam war pferdebegeistert und steckte Sabine mit ihrer Freude an. Neben Miriam als Freundin gab es noch Klaus, einen Nachbarjungen, mit dem Sabine gern Fußball spielte. Klaus war in ihrer Klasse und mit Abstand der kleinste Junge dort. Er stand immer etwas abseits und wurde aufgrund seiner Größe manchmal gehänselt. Sabine hatte ein großes Gerechtigkeitsempfinden und stellte sich bei Problemen immer an Klaus‘ Seite, um ihn zu unterstützen und zu verteidigen. Frederic war stolz auf seinen Schützling, wenn sie wieder mal die Initiative ergriff und sich notfalls prügelte. Also Mut hat sie, meine Kleine. Mannomann!

So verlief Frederics Alltag eher langweilig. Sabine war nun schon in der zweiten Klasse. Sie kannte ihren Schulweg und bewegte sich sicher im Straßenverkehr. Meistens. Ihre Mutter musste sie schon eine ganze Weile nicht mehr begleiten. Sabine lief gewöhnlich mit einer Gruppe von Klassenkameraden zur Schule. Frederic war des langen Beobachtens müde und sagte sich: Ich bin langsam echt urlaubsreif, ich schlafe mal aus. Wird wohl gut gehen. Und so blieb er am nächsten Morgen einfach länger liegen. 

Frederic erwachte schlagartig. 

Ein hoher, greller Ton riss ihn aus dem Schlaf. Etwas zog ihn mit einer überstarken Kraft sogartig an und beförderte ihn hinaus. Wow, dachte er noch, wie cool … ich wusste gar nicht, dass ich mich beamen kann …

Doch als er Sabine auf der Straße liegen sah, peinigte ihn sogleich ein massives schlechtes Gewissen. Er hörte die Sirenen der Einsatzfahrzeuge und kniete sich neben seinen Schützling. 

„Oh mein Gott, es tut mir so leid, ich habe nicht aufgepasst. Bitte. Bitte … sag doch was.“ 

Aber Sabine war und blieb bewusstlos. 

Frederic saß mit im Einsatzfahrzeug, das sie ins Krankenhaus brachte. Er kniff die Augen zusammen, sein ganzer Körper verkrampfte vor Sorge und er flüsterte innigst konzentriert: „Bitte, bitte lass es nichts Ernstes sein!“ Dicke Tränen flossen seine Wangen hinunter und tropften auf den Boden. 

Als sie im Krankenhaus ankamen, bibberte er vor Sorge und ließ seinen Schützling nicht aus den Augen.  Sabines Mutter Greta schien zu Hause alles stehen und liegen gelassen zu haben. In Windeseile war sie herbeigeeilt und streichelte ihrer Tochter sanft über den Kopf. 

„Sie hatte richtig Glück …“, sagte der Stationsarzt zu Greta und ihnen beiden – Frederic und Greta – plumpsten ein paar dicke Steine vom Herzen. Frederic schaute beschämt zur Seite, als der Arzt fortfuhr: „Sie hat eine schwere Gehirnerschütterung. Da hatte sie aber einen guten Schutzengel, das hätte ganz anders ausgehen können.“ 

Frederic biss die Zähne aufeinander. Sein Blick blieb an seinen Füßen haften. Er schwor sich: Nie, nie wieder werde ich sie im Stich lassen.

 

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Zu weiterführenden Informationen
 

 

 

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