
Leseschnipsel aus dem Kurs "Kreatives Schreiben"
10. Aufgabe Leseschnipsel:
Schreibe eine Szene zwischen drei Menschen, die auf eine bestimmte Art und Weise miteinander in Beziehung sind
Jörg hatte es sich bequem gemacht. Lässig lagen seine Beine auf dem Couchtisch. Mehr liegend als sitzend fläzte er gemütlich auf dem Sofa und nahm den gesamten Raum ein. Er stierte auf den übergroßen Fernseher an der Wand, seufzte und beugte sich dann vor, um die Fernbedienung in die Hände zu nehmen. Unschlüssig schaute er auf die Tasten der Fernbedienung und stellte schließlich den Fernseher an, um durch die Kanäle zu zappen.
Brigittes Blick, die am Wohnzimmertisch saß, fiel auf ihren Mann. Sie betrachtete ihn und schaute danach aus dem Fenster. „Ich fühl mich einfach nur noch leer. Es macht irgendwie nichts mehr einen Sinn.“ Sie stützte die Hände auf ihre Wangen und starrte wieder auf ihren Mann, mit dem sie seit 32 Jahren verheiratet war. Das Läuten des Telefons, das aus dem Flur drang, zerriss die Stille.
Keiner von beiden stand auf, um den Anruf entgegenzunehmen, sondern sie warteten, bis das Klingel aufhörte.
Brigitte schaute zu Jörg, der sich von einem zum anderen Kanal innerhalb von wenigen Sekunden zappte.
Sie schwiegen.
Dann schob sie den Küchenstuhl mit einem lauten Ratschen nach hinten und stand auf. Ich brauche etwas zum Wärmen, dachte sie. Sie stellte den Wasserkocher an, hängte einen Teebeutel in eine Tasse, die sie aus dem Küchenschrank mit verkratztem Lack holte und füllte sie mit kochendem Wasser auf. Mit einem kleinen Löffel rührte sie etwas Zucker in den Tee hinein.
Sie fragte nicht, ob er auch etwas haben wollte. Das machte sie schon lange nicht mehr. Sie stellte die dampfende Tasse auf den Tisch, setzte sich wieder hin und umfing sie mit ihren Händen. Die Wärme tat gut. Sie tunkte den Teebeutel ein wenig tiefer und rührte gedankenverloren im heißen Gebräu. Vielleicht weicht die innere Kälte, wenn ich meine Hände daran wärme, dachte sie und pustete leicht den Dampf von der Oberfläche.
Plötzlich fragte Jörg in die Stille hinein: „Sag mal, wann gehst du endlich einkaufen?“
Brigitte entgegnete: „Nachher.“ Jörg schaute weiter nach vorne auf den Fernseher. „Mmmh“, murmelte er mürrisch. Nach wenigen Minuten fragte er: „Bringst du einen Kiste Bier mit?“ Sie schwieg und pustete den heißen Dampf kräftig von der Tasse weg. Er weiß genau, dass ich mit dem Fahrrad Einkaufen fahren muss, dachte sie verärgert und presste die Lippen zusammen.
„Hey, ich habe dich was gefragt.“, murrte er ärgerlich.
Brigittes Augen verengten sich. „Ja, mach ich ja.“, raunte sie unwillig zurück.
Dann stand sie auf, nahm ihre Tasse Tee mit in das Gästezimmer, das sich gegenüber dem Wohnzimmer befand. Sie betrat es und schloss die Tür hinter sich. Atmete tief durch.
Das Gästezimmer sollte für den Sohn Michael sein, wenn er mal zu Besuch kam. Aber das letzte Mal, als er mal kurz vorbeikam, war auch schon ein paar Jahre her. Sie vermisste ihn, manches Mal schmerzlich.
Sie stellte die Teetasse auf das Bücherregal und zog ein Fotoalbum heraus. Damit setzte sie sich auf den flauschigen Teppich, den sie zweimal die Woche absaugte. „Vielleicht kommt er doch einmal spontan, dann soll alles sauber sein“, dachte sie immer wieder.
Sie blätterte durch das Album, sah Bilder, wie sie Michael in den Armen hielt, als er noch klein war. Wie glücklich ich aussehe, denkt sie. Lang ist es her. Sie seufzt. Dann beschleicht sie das altbekannte schlechte Gewissen. Mein Gott. Gut, dass Jörg es nicht weiß. Er darf es nie erfahren. Das war lange Zeit ihre größte Sorge gewesen. Ihre Gedanken wanderten zurück, als es Rüdiger noch in ihrem Leben gab. Sie lächelte unwillkürlich. Es kam tief aus ihrem Inneren heraus und wärmte sie durch und durch. Selbst jetzt, nach all den Jahren.
Sie lächelte immer, wenn sie an ihn dachte. Wäre er doch damals in ihrem Leben geblieben, dann wäre vielleicht vieles anders verlaufen. Ganz sicher, dachte sie. Sie drückte das Album fest an ihre Brust und schloss die Lider. Erinnerte sich an seine Augen, die damals in jungen Jahren so strahlten, wenn er sie anblickte und so voller Wärme waren. Er war nicht unbedingt ein auffallend schöner Mann gewesen, nach dem sich die Frauen umguckten.
Er war leicht einzuschüchtern, ein sensibler Mann, mit einer feinen Aura umgeben, seine Gefühle spiegelten sich in seinen smaragdgrünen Augen wider.
Sie seufzte tief auf, als sie den laufenden Fernseher unüberhörbar mit lauten Schüssen und Motorengeräusche vernahm.
Sie nahm weitere Fotos in die Hände, sah sie an, erinnerte sich. Sie überprüfte, wie so oft, ob man in der Augenfarbe ihres Sohnes irgendetwas Auffälliges bemerken konnte. „Ich glaube, nur ich sehe das.“, sagte sie sich.
Gerade als sie ein weiteres Fotoalbum aus dem Regal nehmen wollte, klingelte es an der Tür. Brigitte war unentschlossen. „Der geht bestimmt nicht an die Tür. Dann muss ich wohl wieder.“
Sie stand auf, legte die Fotoalben auf ihrem Platz zurück und verließ das Zimmer, schloss die Tür sorgfältig wieder ab.
Ein kurzer Blick auf Jörg, der in der gleichen Haltung vor dem Fernseher lümmelte wie zuvor, die Fernbedienung in der Hand.
Brigitte rief noch in Richtung Wohnungstür: „Ich komme ja.“
Dann öffnete sie die Wohnungstür. Eine Frau stand dort, etwa 25 Jahre alt, langes glatt-braunes Haar, ein freundliches Gesicht, das sie anlächelte.
Brigitte fragte: „Hallo, was wollen Sie?“ Die junge Frau blickte ihr in die Augen, irgendetwas irritierte Brigitte. Der Blick …, die Augen …, sie schüttelte den Kopf, um die verwirrenden Gedanken hinauszubekommen, die sie stark irritierten. Die junge Frau flüsterte: „Sind Sie Brigitte? Brigitte …“ und sie schaute auf das Namensschild links neben ihr „Harmsen?“
Brigitte war von den Augen der jungen Frau wie magisch angezogen und konnte gar nicht wegsehen. „Warum flüstern Sie?“, flüsterte sie zurück.
Die junge Frau sagte leise: „Mein Name ist Anna Wunschik. Mein Vater möchte Sie gern sprechen.“ Sie blickte auffordernd nach unten ins Treppenhaus. Brigittes Neugierde war geweckt. Sie fragte noch skeptisch: „Äh, wer ist denn ihr Vater?“
Sogleich kam ein Mann Mitte 50 Jahre langsam die Treppenstufen hoch und blickte Brigitte neugierig an.
Brigittes Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Kenne ich den? Was will der von mir? Er kam näher und seine Tochter machte einen Schritt zur Seite. Nun stand er vor ihr.
Schweigend sah sie den Mann an, als ihre Augen sich plötzlich weiteten. Sie schlug die Hände vor ihr Gesicht, das Blut entwich ihr, bis es wieder in ihre Wangen schoss und eine Hitze in ihr auslöste, der sie nicht mächtig wurde. „Oh mein Gott“, flüsterte sie, „bist du es? Du bist es … wirklich.“ Sein Blick war flehend, die Augen feucht, er kämpfte mit seinen Emotionen, bis sich Tränen aus seinen Augen lösten und über seine Wangen flossen. Sein angespannter Körper, der angehaltene Atem … alles bat um Erlösung.
Brigitte lief eine einzelne Träne über ihre Wange, in dieser Träne war ihre ganze Welt verborgen. Nun waren all die anderen Tränen nicht mehr aufzuhalten. Selbst Anna Wunschik hatte feuchte Augen.
Aus der Wohnung hörte sie Jörg rufen: „Wer ist denn da? Es zieht!“
Brigitte rief zurück: „Alles gut. Ich kümmere mich.“ Und sie lächelte ihr Gegenüber an.
Sie hörte Jörg noch gelangweilt rufen: „Mach die Tür zu. Es wird kalt hier.“
Brigitte schloss die Wohnungstür bis auf einen Spalt, ohne ihren Blick von ihrem Gegenüber zu lösen.
Sie rief noch: „Ich gehe jetzt einkaufen. Ich bringe Bier und Zigaretten mit. Sie schloss die Wohnungstür, ohne mit der Wimper zu zucken.
Ihr Lächeln wurde zu einem Strahlen! Mit Hausschlappen, ohne Portemonnaie und Jacke trat sie einen Schritt vor. Anna Wunschik eilte die Treppen voraus. Brigitte streckte ihre Hände aus, er ergriff sie und so liefen sie gemeinsam das Treppenhaus hinunter, durch die Haustür auf die Straße.