Leseschnipsel aus dem Kurs "Kreatives Schreiben"

6. Aufgabe Leseschnipsel: Schreibe eine kleine Dramaturgie, max. 4 Seiten

Sie saß in ihrer Küche am Tisch und schaute aus dem Küchenfenster nach draußen. Es war bewölkt und windig, die Blätter des nahestehenden Baumes bewegten sich hin und her.  

Sicherlich regnet es bald, dachte sie. Traurige Gedanken kreisten in ihrem Kopf wie träge, müde Soldaten. Immer dieselben Gedanken, Wünsche, Enttäuschungen, immer im Kreis. Immer dieselbe Traurigkeit. Die Zeit war vorbei, sich zu wünschen, sie würde sich aus diesem Teufelskreislauf befreien können, es war ihr mittlerweile egal. Sie gehörten zu ihrem Leben wie das tägliche Brot. Sie kamen und gingen im Wechsel.  

Jessy rührte sich wie immer zwei Löffel Zucker in ihren Kaffee und nahm einen Schluck. „Mmmh, auch nicht mehr heiß“, dachte sie und behielt die Tasse in den Händen, um sich wenigstens etwas Wärme zu gönnen. 

Draußen war wirklich nichts Besonderes zu sehen. Sie wandte sich um und betrachtete ihre Küche, in der sie saß. Seit Jahren lebte sie alleine in dieser kleinen Wohnung. Klein, aber fein, ordentlich und bezahlbar.  

Und da waren sie wieder, die Gedanken an Jeff. Sie hieß sie willkommen. Was nützte es auch, sie konnte sie sowieso nicht vertreiben.  

Fast genauso lange war sie schon mit Jeff zusammen. Jessy und Jeff, dachte sie. Sie verzog unwillkürlich ihr Gesicht zu einem Lächeln. Vor fünf Jahren, am Anfang ihrer Beziehung dachten sie beide noch, dass die ähnlichen Namen wie ein Wink des Schicksals waren, das sie zusammengeführt hätte. Lange war es her. Und heute? Sie seufzte tief auf. Wie kompliziert ist unsere Beziehung geworden., dachte sie.  

Jeff war noch immer verheiratet und hatte seine Frau bisher nicht verlassen, obschon er es von Anfang an beteuert und versprochen hatte.  

Aber er hatte auch Jessy nicht verlassen! Keinen von beiden. 

Stattdessen trafen sie sich auch nach Jahren noch heimlich. Na, wenigstens das habe ich mit ihm. Ob er sich jemals trennen wird, um mit mir zusammen zu kommen? dachte sie. 

Da schellte es an der Haustür, es riss sie abrupt aus ihren Gedanken. Ich muss unbedingt die Schelle leiser stellen., dachte sie. 

Sie stellte die Tasse auf den Tisch vor ihr und ging zur Haustür, um sie zu öffnen. Sie schaute sich noch einmal kurz im Flur-Spiegel an.  

Wer mag das sein? Ich erwarte keinen Besuch, dachte sie. Naja, muss mein Gegenüber damit klarkommen, das ich so schlumpig herumlaufe, ungeschminkt und in weiten Klamotten.  

Sie öffnete die Tür und riss die Augen auf, stammelte: „Äh, Jeff! Was für eine Überraschung. Willst du … willst du hereinkommen?“  

Und Jeff trat wortlos in die Wohnung seiner Geliebten. Sobald die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, zog er sie in seine Arme und drückte sie herzhaft an sich. „Was ist denn passiert?“, fragte Jessy, „alles okay bei dir?“ Sorgenvoll zog sich ihre Stirn in Falten.  

Jeff seufzte laut auf und raunte dann leise in ihr Ohr: „Jessy, ich muss dir was erzählen.“ 

Er trat ein und ging direkt in die Küche, legte seine Jacke über einen Stuhl. Wie selbstverständlich holte er sich aus dem Kühlschrank ein Bier heraus, öffnete die Flasche mit einem Flaschenöffner, der an seinem Schlüsselbund hing. Jessy hatte für ihren Freund immer etwas vorrätig, wenn sie sich mal trafen. Diese eine Flasche war noch vom letzten Treffen übriggeblieben, das er frühzeitig verlassen musste.  

Das Jeff spontan außer der Reihe kam, war ungewöhnlich.  

„Sie hat einen anderen“, kam es aus seinem Mund geschossen und Tränen standen in seinen Augen.  

„Was? Wer? Deine Frau?“, fragte Jessy und saß ihm angespannt gegenüber, hielt sich an ihrem Kaffeebecher fest.  

Jeff wischte sich die Tränen weg und trank die ersten Schlucke des köstlich-kalten Gebräus. 

Dann setzte er erneut an und trank die halbe Flasche leer. 

Jessy hatte sich gefasst.  Sie setzte sich neben ihn auf den Stuhl und nahm seine Hand. Er zog sie abrupt weg und verzog ärgerlich das Gesicht.  

„Warum bist du denn plötzlich so distanziert?“, fragte Jessy überrascht, zog die Augenbrauen nach oben. 

Das kann sie doch nicht machen!“, maulte er voller Selbstmitleid.  

„Naja“, murmelte Jessy. „Du machst das doch seit Jahren schon so. Was soll denn da anders sein?“ 

Du meine Güte, dachte Jessy, seit wann ist er so ein Weichei, so kenne ich ihn gar nicht. 

Plötzlich stand er wütend auf: „Das ist doch etwas ganz anderes! Wie kann sie nur? Und überhaupt! Du solltest eigentlich auf meiner Seite stehen. Was ist denn los mit DIR? Ich dachte immer, wir sind echte Freunde!“ Jessy erwiderte empört: „What? Freunde? Ich dachte immer, wir wären ein Paar! Ein Paar, das mal zusammenkommt!“ 

Jeff sah sie betroffen an und seufzte: „Sorry, Jessy. Ja, irgendwie schon.“ 

Dann packte ihn wieder der Ärger und er schwenkte wieder um. „Aber in echt, das geht doch gar nicht!“ 

Jessy musterte ihren Freund und sah ihn verwundert an. Was ist bloß los, so kenne ich ihn überhaupt nicht, dachte sie. 

Sie spürte, wie sich ein feuriges Gefühl brennenden Ärgers aus ihrem Inneren nach außen bahnte. Energievoll stand sie auf und stemmte verärgert ihre Hände in die Seiten.  

„Sag mal, DU wolltest doch immer, dass wir zusammenziehen, wenn du dich von deiner Frau getrennt hast. War das denn wirklich so gemeint? Mir kommen echt Zweifel! Oder hast du mich angelogen, damit du das Spiel hier mit uns weitertreiben kannst?“  

Jessy redete sich immer mehr in Rage, sie hörte ihre eigene Stimme vor Empörung immer höher und lauter klingen. Sie ballte ihre Fäuste, bis die Knöchel weiß hervortraten. 

Jeff starrte sie an und merkte, dass er zu weit gegangen war. Er versuchte zurückzurudern und seine Freundin zu besänftigen, aber sie ließ es nicht zu. Die Emotionen der letzten Jahre, die Zurückweisungen, die Unsicherheiten, die Selbstüberforderungen, die Angst, die Eifersucht, die Enttäuschungen, die Wut, die Frustrationen, die Schuldgefühle und das Hoffen, Lieben, Bangen bahnten sich ihren Weg von innen nach außen. Jessys Blut kochte. Sie sah Jeff zum ersten Mal, wie er wirklich war. 

Er versuchte, sie zu beschwichtigen. Er setzte sein frech-jugendliches Lächeln auf, das sie immer so an ihm geliebt hatte und sie jedes Mal wie Wachs schmelzen ließ. Aber es wirkte überhaupt nicht. Im Gegenteil. Und das verunsicherte ihn. Er war sich nun eindeutig bewusst, dass er absolut den Bogen überspannt hatte. 

Er stand auf, trat auf Jessy zu und versuchte hilflos, sie zu umarmen. „Komm, Jessy, fahr bitte wieder runter. Ich habe das doch gar nicht so gemeint. Du bist doch meine Liebste.“ 

„Die Liebste von wie vielen? Häh? Dein Ernst? Ich bin doch nicht dein Spielball.“ 

Sie stand auf und wies mit der Hand auf die Haustür. „Geh! Ich kann dich nicht mehr sehen. Verschwinde!“ Er stand verwirrt vor ihr. Hatte sie nicht immer zu allem „Ja und Amen“ gesagt? Ihn immer unterstützt, egal bei was?  

„Du warst doch immer auf meiner Seite, was ist los mit dir?“, brummelte er. 

In Jessy kochte es, ihr Kopf war hochrot und einzelne Adern standen hervor.  

„Ich will, dass du sofort aus meiner Wohnung verschwindest.“, schrie sie. 

Er versuchte es ein letztes Mal und war sich sicher, dass sie nun einbrechen würde. Danach würde sie ihn bitten, ihr zu verzeihen. Das hätte sie doch gar nicht so gewollt. Es täte ihr unglaublich leid. Ob er ihr verzeihen könnte. Dann würden sie sich wieder in den Armen liegen und bestimmt war noch mehr drin. Er wusste doch, wie schnell er sie bislang immer herumbekommen hatte.  

Jeff schaute sie mit seinem Hundeblick an, blickte ihr tief und lang in die Augen und beobachtete die Wirkung. Nun wird sie sicherlich wieder schwach werden, dachte er. Um seinen Versuch zu verstärken, flüsterte er: „Baby, wenn du mich rauswirfst, dann komme ich nicht wieder. Das willst du doch gar nicht.“  

Jessy setzte für einen kurzen Moment die Luft aus. Sie atmete bewusst aus, setzte sich auf ihren Stuhl und rührte in ihrer Tasse.  

Lange.  

Schweigend.  

Ruhig.  

Mit einer seelenruhigen Stimme sagte sie klar und deutlich: „Ich sehe dich nun! Ich sehe dich, wie du wirklich bist!  

Geh aus dieser Wohnung, geh durch die Tür und geh aus meinem Leben.“ 

Geschockt stolperte er etwas rückwärts, fasste sich dann, nahm seine Jacke und blickte Jessy wortlos an. Er hoffte noch immer, dass ihr ihre Reaktion leidtun würde. Jeden Moment wird sie etwas zur Entschuldigung …, dachte er. 

Sie blickte in ihre Tasse, hielt sie mit beiden Händen fest, wartete. 

Sekunden vergingen.  

Jeff drehte sich um, ging langsam zur Tür. Gleich, gleich wird sie etwas sagen., dachte er. 

Er zog seine Jacke an. Wartete. Verharrte. Er öffnete die Tür, wartete. Ging hindurch. 

Eine letzte Sekunde verflog. Die Tür fiel ins Schloss.  

Er lehnte sich an die andere Seite der Wohnungstür, fuhr mit dem Körper hinab, bis er saß.  

Tränen liefen über seine Wangen.  

In der Küche saß Jessy, die Kaffeetasse hatte sie abgestellt. Sie schaute durchs Fenster nach draußen. Entspannte deutlich. Der Atem ging gleichmäßig. Ihr Herz war nun leichter. Ein Lächeln überflog ganz zart ihr Gesicht, wie ein Schmetterlingskuss, so leicht. Sie schloss die Augen und atmete tief durch.

 

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