
Leseschnipsel aus dem Kurs "Kreatives Schreiben"
3. Aufgabe Kreatives Schreiben: Magischer Realismus (Kurzgeschichte, max. 800 Wörter)
Jens stand in seinem Badezimmer, schaute in den Spiegel und musterte sich.
Es war 7.50 Uhr in der Frühe und er hatte noch ein wenig Zeit, bis er aufbrechen musste.
Ein merkwürdiger Traum war das heute Nacht, dachte er. Verrückt. Er schüttelte ungläubig seinen Kopf. Mit dem Kamm fuhr er langsam durch sein kurzes Haar, teilte es dann und strich seinen Scheitel akkurat nach links wie jeden Tag. Er begutachtete sein Gesicht etwas genauer, drehe seinen Kopf leicht von rechts nach links. Immer mehr Ähnlichkeit mit Vater, dachte er und verzog das Gesicht. Das gefiel ihm gar nicht. Leicht verärgert zog er die Augenbrauen zusammen. Alt ist er geworden, dachte er weiter. Die Gedanken ließen ihn nicht los. Wirr war er am Ende seiner Tage, ständig redete er von Dingen, die keiner verstand und auch keinen Sinn ergaben. Ob ich auch mal so enden werde? Er seufzte auf und verließ das Badezimmer. Seine Jacke hing an der Garderobe, immer am gleichen Platz. Er nahm sie und schlüpfte hinein. Dann griff er nach dem Wohnungsschlüssel, der in einer Schale auf einer Anrichte stand und verließ die Wohnung.
Den Weg an der Straße entlang zum Bäcker kannte er in- und auswendig, genau 634 Schritte waren es.
Menschen kamen ihm entgegen, schauten ihn verwundert an und gingen wortlos an ihm vorbei, die meisten drehten sich nochmal nach ihm um.
Am Anfang fiel es ihm gar nicht auf, aber dann wurde es ihm doch etwas seltsam zumute. Geradewegs ging er zum Schaufenster des Bäckerladens und schaute in die Fensterscheibe. Er riss die Augen auf und erstarrte: Was war das denn?, dachte er verwundert. Seine Hand glitt an das merkwürdige Ding, das schwerelos auf seinem Kopf saß. Es fühlte sich weich und warm an, sah „freundlich“ aus. Er konnte es nicht anders betiteln.
Ein Passant ging an ihm vorbei und grüßte höflich. „Guten Morgen.“, blickte dann aber auf das „Ding“ auf Jens Kopf und entfernte sich verunsichert, blickte sich jedoch noch einmal um.
Jens starrte ausdruckslos in die Schaufensterscheibe, in der er sich spiegelte und konnte nicht glauben, dass dieses „Etwas“ auf seinem Kopf saß und ihn irgendwie … ja, er meinte … angrinste.
Jens bewegte seinen Kopf heftig hin und her, aber „es“ hielt sich an seinen Haaren fest und lachte herzlich und gluckste vor Freude, da es so durchgeschüttelt wurde. „Hör auf, hör auf. Ich falle noch herunter.“, rief es und lachte vergnügt weiter.
Jens Stimme zitterte und bebte. „Wer zum Teufel bist du? Und was machst du auf meinem Kopf?“
Er wunderte sich über sich selbst, dass er das soeben gefragt hatte. Die anderen Leute werden mich für bekloppt halten, wenn die mich hier so sehen., dachte er. Das „Etwas“ rutschte vom Kopf herunter. Jens erschrak. Ich spüre gar kein Gewicht, merkwürdig.
Das Ding rutschte auf seine rechte Schulter und hauchte eine sanfte Berührung mit seiner grünen fellartigen Nasenspitze auf Jens Wange, der prompt reagierte und zuckte. „Wer bist du?“
Der kleine Kerl antwortete: „Normalerweise spreche ich nicht wie ein Mensch, aber Du bist der Auserwählte und schließlich müssen wir uns ja auch verständigen. Nun zu meiner Wenigkeit.“
Er verbeugte sich und sprach: „Ich bin der Groß Muckel vom Stein der Raben, großmütterlicherseits ein Abkömmling der Wurzeltrieflinge“.
Jens Augen wurden immer größer: „Häh? Wer bist du?“
Es störte ihn mittlerweile gar nicht mehr, wenn Passanten ihn merkwürdig beäugten oder irritiert einen großen Bogen um ihn machten.
Der Kleine wiederholte sich: „Ich bin der Groß Muckel …, ach egal. Einen Namen, den habe ich auch. Nenn mich Mucki oder Wurzi. Such dir was aus.“
Jens beschaute sich den kleinen Kerl nun genauer. Er war nicht größer als 30 cm, also nicht wirklich groß und hatte grasgrünes Fell überall, eine große knollige Nase, sehr große Ohren, die aussahen wie Serviettenringe. Wenn er schwieg, formte sich sein kleiner, süßer, spitzer Mund zu einem „O“ und dabei öffneten sich seine Augen sehr weit.
Die Hände waren eher wie kleine Fäuste und Beine schien er nicht zu haben. Er schien auf seinem Bauch zu sitzen. Er bewegte sich fort, indem er sich sanft von rechts nach links vortastete. So konnte er seine Position verändern.
„Ich glaube, Mucki passt zu dir. Was willst du denn von mir?“ fragte Jens.
Plötzlich musste Mucki nießen und es fühlte sich für Jens wie ein leichtes Schmetterlingsflattern an, das ihm ein angenehmes Kribbeln auf seiner Haut verursachte.
„Du bist der Auserwählte. Das sagte ich schon. Der Ältestenrat hat MICH auserkoooooren (und er straffte seinen kleinen Körper und wurde vor Stolz drei Zentimeter größer), Dein Begleiter zu sein und dich mit Talenten für deine Aufgabe auszustatten. Ich finde das mega cool.“
Jens schaute verwirrt auf das kleine Kerlchen, das ihn freundlich anschaute und dessen Augen vor Abenteuerlust nur so leuchteten. Erwartungsvoll blickte der Kleine Jens an.
„Holy Moly“, sagte Jens, „Holy Moly“.
Wer möchte, kann hier das Ergebnis der ...