Leseschnitzel 009

Leseschnipsel aus dem Kurs "Kreatives Schreiben"

9. Aufgabe Leseschnipsel: 
Eine Protagonistin befindet sich unfreiwillig in einer Höhle

 

Wie lange schon stolpere ich hier durch die Gänge? Meine Gedanken huschen wie zwirbelnde Stecknadeln durch meinen erhitzten Kopf. Dann bleiben wir stehen. ER, der mich schweigend hierhergeführt hat und ich, die von meinem Peiniger geprügelt und eingeschüchtert bin, kein einziges Wort mehr zu sprechen vermag.  

Ich höre ein klirrendes Geräusch, als wenn jemand etwas Metallisches auf den Betonboden fallen lässt. Dann steht ER hinter mir. ER wartet einen kurzen Moment, als wenn er überlegt.  

Dann überprüft ER meine Augenbinde, zieht den engen Stoff mit einem festen Ruck noch enger an meine Augen, dass ich vor Schmerz aufstöhne. Ich sehe im ersten Moment nur noch bunte Farben, als blicke ich in ein Kaleidoskop.  

Dann höre ich, wie er etwas aufhebt und seine Schritte sich von mir entfernen. Ich wimmere …  

Was wird er tun? Kommt er wieder? Oh mein Gott, oder lässt er mich allein? Und was wäre schlimmer von beiden Möglichkeiten? 

Angst übernimmt die Regie und frisst sich wie eine lauernde Ratte in die gierige Stille, die ich in dieser Dimension nicht kenne, noch nicht einmal erahne.  

„Hallo“, flüstere ich leise. Ganz vorsichtig tastet sich meine Stimme zitternd an. „Hallo, ist hier jemand?“ Dann übernimmt die Furcht meinen Körper, der unentwegt zittert. Verzweifelt stöhne ich auf. „Verdammt? Ist hier jemand? Bitte!“  

Die einzige Antwort, die ich bekomme, ist ein leises unrhythmisches Tropfen, das ich seitlich von mir wahrnehme. Wasser auf Stein, denke ich. Verdammt. Reiß dich zusammen, fokussiere dich. 

Langsam bücke ich mich, ertaste mit den Fingern den Boden. Meine Hände fühlen kalte, glitschige, feuchte Steine unterschiedlicher Größe. Dann wieder trockene staubige Erde.  

Alle meine Sinne sind aufs Äußerste gespannt. Da! Ich schrecke auf, zucke zusammen, als rechts von mir etwas an mir vorbei huscht, trippelnde Schritte. Vielleicht eine Maus, oder Gott bewahre, eine fette Ratte. Und wo eine ist … 

Ich spüre einen leichten Luftzug. Ich bin nicht allein, denke ich und halte einen Moment die Luft an. Dann bewege ich mich tastend mit Händen und Füßen vor, stoße an eine kalte Steinwand, feucht und uneben. Sie strahlt eine unglaubliche Kälte aus. Ich taste mich weiter an der Wand entlang, fühle etwas Weiches … Ist es vielleicht Moos? Vielleicht etwas anderes? Ich bin definitiv nicht allein, bin mir ganz sicher. Mein Zittern ist kaum kontrollierbar. Aus Angst oder Kälte? Ich weiß es nicht.  

Hier unten muss es vor Getier wimmeln., denke ich. Eine Gänsehaut nach der anderen legt sich auf meine Haut, als hätte ich einen Noppenpullover an. Die Kälte im Raum, zusammen mit der Feuchtigkeit legt sich wie ein Mantel um mich, lassen mich bibbern und leicht die Zähne aufeinanderschlagen. Vielleicht ist es auch pure Angst? Ich weiß es nicht. Ich muss raus hier! Aber wie? Ohne zu sehen! 

Tief atme ich durch und zähle dann beim Einatmen 1, 2, 3 … halte die Luft an und atme aus 1, 2, 3, 4, 5.  

Nach ein paar Atemzügen habe ich mich etwas beruhigt.  

Nachdem mir nach wiederholtem Rufen keiner antwortet, versuche ich hektisch, die Augenbinde von den Augen zu bekommen. Ein paar Minuten vergehen … wütend ziehe und zerre ich schließlich daran herum. Ich fluche und schreie, schaffe es letztendlich doch, sie abzureißen. Dann endlich … lasse ich das Tuch fallen und halte mir die schmerzenden Augen. 

Endlich! Jetzt habe ich eine Chance, denke ich hoffnungsvoll.  

Ich öffne die Augen und sehe … nichts. Um mich herum ist es pechschwarz.  

Wo zur Hölle bin ich? Und warum habe ich eine Augenbinde tragen müssen, obschon es sowieso stockduster hier ist? Die Feuchtigkeit und Kälte zieht sich durch meine Haut direkt in die Eingeweide und lässt alles noch mehr erkalten. Nun, da ich sehen kann, rieche ich auch die modrige und abgestandene Luft, die ich vorher weniger wahrgenommen habe.  

Ich versuche, meinen Weg fortzusetzen, hangele mich an der Wand entlang, stolpere über einige Steine und versuche mühsam, nicht zu fallen. Wie in Zeitlupe bewege ich mich vor. Zaghaft summe ich eine Melodie, um mich selbst zu beruhigen. Dazwischen immer wieder meine flehenden Worte: „Hallo, bitte, kann mir einer helfen? Ich bin eingeschlossen. Bitte. Hört mich jemand?“ 

Plötzlich ertönt ein Geräusch von weiter weg, ein raschelndes Scharren, es ähnelt einem leichten Knurren. „Oh mein Gott, was mag das sein“, entfährt es mir. Meine Augen weiten sich, mein Mund ist staubtrocken. Instinktiv ducke ich mich und ertaste den Boden hektisch und erfühle einen faustgroßen Stein, der nach vorn spitz auszulaufen scheint. Ich halte ihn in der rechten Hand, bereit, ihn zu werfen.  

Langsam bewege ich mich weiter vor. Plötzlich knackt etwas Großes unter meinem Fuß. Ich springe reflexartig zurück. Dann fasse ich vorsichtig auf den Boden und ertaste einen kantig-spitzen Stock, den ich mit meinem Fuß in zwei Hälften zerbrochen habe. Eine Hälfte nehme ich mit, halte diese in der linken Hand, taste mich langsam, mit meinen Waffen in den Fäusten, an der Wand entlang. Es kommt mir vor wie Stunden, vermutlich sind es nur wenige Minuten. Wie die Wahrnehmung sich ändern kann, wenn ein wichtiger Sinn ausfällt wie das Sehen, denke ich.  

Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Kommt es mir nur so vor, oder gibt es ein Hauch mehr Lichteinfall? Meine Sinne spielen schon verrückt, denke ich. 

Aber … der Lichteinfall ist ganz spärlich und sehr weit weg, dass wenige Licht kämpft sich zu mir durch und meine Augen nehmen es mit allem Optimismus, den ich aufbringen kann, wahr.  

Diese Dunkelheit, das Hinabgleiten in die eigenen Sinneswahrnehmungen, die nun nur noch auf Überleben eingestellt sind, reißt mich hinab in eine unfassbare Traurigkeit und Sinnlosigkeit. 

Reiß dich zusammen! Ermuntere ich mich mehrmals.  

Ich bleibe regungslos stehen, versuche erneut, meine Atmung zu regulieren. Ich vertraue darauf, dass mich meine Kraft aus dieser Höhle hinausbringt. Ich schiebe meine Verzagtheit von mir, stehe auf und verstärke meine Schritte. Taste mich mutig und behände voran, dem kleinen Lichtstrahl entgegen. 

 

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